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Herausgeber Wilfried Hub Handikap

Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.

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Mehr als 10 000 Analphabeten im Vogtland

Mann lernte Fahererlaubnis für Pkw und Lkw komplett auswendig

 

050110 AnalphabetenPlauen – Er habe einen Mann kennengelernt, der in einem Kurs Lesen und Schreiben lernen wollte, erinnert sich Olav Winter, Koordinator bei der Plauener Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW). Das Besondere: Der Betroffene verfügte über die Fahrerlaubnis für Pkw und Lkw. Sämtliche Fragen und Antworten hatte er auswendig gelernt.

 

Eine Ausnahme. Aber dass Analphabeten – man unterscheidet funktionale und totale – sich auf zuweilen erstaunliche Weise durchs Leben hangeln, sei eher typisch. Die häufigste Ausrede: Man habe gerade die Brille nicht dabei, nicht genügend Kraft im Handgelenk und so weiter.


Wer als Analphabet eine Arbeit habe, ziehe, wenn keine Ausrede mehr greife, die Reißlinie – er kündigt. Schon in den Vorjahren habe sich die FAW Menschen angenommen, die weder lesen noch schreiben können. Bot Kurse an, um ihnen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu bieten. „Selbst im Dienstleistungsgewerbe sind Menschen ohne diese Fähigkeiten nicht vermittelbar“, weiß auch Ingrid Ficker, ebenfalls Koordinatorin an der FAW. „Selbst ein Raumpfleger muss ja mittlerweile seine Arbeit schriftlich dokumentieren.“


Seit Montag fungieren die FAW in Sachsen, neben der in Plauen auch die Einrichtungen in Chemnitz, Leipzig und Dresden, als Koordinierungsstellen für Analphabeten. Und fast wörtlich zitiert Winter den sächsischen Kultusminister Roland Wöller: Man müsse die Öffentlichkeit sensibilieren und die Bildungsangebote noch breiter fächern.


Nun geht die FAW in den kommenden Wochen auf Partnersuche. Beispielsweise waren die Angebote für in Arbeit befindliche Analphabeten bisher eher gering. Vier Millionen Menschen können in Deutschland weder lesen noch schreiben, auf 202 000 beziffert die Evangelische Fachhochschule in Dresden die Zahl für Sachsen. Was die für das Vogtland betrifft, halten sich beide Gesprächspartner bedeckt. Bundesweite Erhebungen ergeben regionalunabhängig eine Quote von fünf Prozent der über 16-Jährigen, die ihre Muttersprache in Wort und Schrift nicht beherrschen.


Demnach beliefe sich die Zahl im Vogtland auf 12 500. Dass Analphabetismus noch oft ein Tabuthema und die Dunkelziffer vermeintlich hoch sei, ist Winter klar. Gerade auch deshalb werde man in nächster Zeit ein Koordinierungsprogramm erarbeiten, quasi maßgeschneidert für junge Analphabeten, für Ältere und wieder andere, im Berufsleben Stehende.


Erstaunlich sei, über welche Bildung einige der Betroffenen verfügen, weiß Winter aus bisherigen Kursen. Viele informieren sich nicht nur im Fernsehen, sondern auch aus Bildbänden. Im Klartext: Wer erfolgreich Lesen und Scheiben gelernt hat, muss nicht zwangsläufig in einem relativ anspruchslosen Beruf landen. Über die neuen Koordinierungsstellen sollen auch Nachfolgeangebote gesichert werden. Denn die bisherigen Kurse dauerten maximal ein dreiviertel Jahr – zu wenig für nachhaltige Effekte, wenn man bedenkt, dass man bei der Mehrzahl der Teilnehmer mit dem Lehrstoff der 1. Klasse beginnen müsse und auch das Tagespensum zunächst nicht vier Stunden überschreite. Um das Geld quasi nicht im Sande versickern zu lassen, so Frau Ficker, müsse man die Teilnehmer längerfristig betreuen.


Die meisten übrigens sind dankbar für die Möglichkeit, aus ihrer eigenen Welt herauszukommen, sich mit anderen Betroffenen zu unterhalten, auch über sekundäre Erfolge, wie beispielsweise die Zeitung oder den Fahrplan lesen zu können. Eine Fähigkeit, die manchem Jahrzehnte verschlossen blieb. Winter erinnert sich an die Frau, die 25 Jahre verheiratet war. Im Jahr der Silberhochzeit fragte sie ihr Mann, wohin sie denn neuerdings früh immmer hingehe. „In die FAW, um lesen und schreiben zu lernen“, antwortete sie. Der Mann hatte die ganze Ehe über nichts gewusst. Denn die meisten Analphabeten haben sich allerlei „Tricks“ angeeignet, um durchs Leben zu kommen. Die richtige Haltestelle merkt man sich anhand von Gebäuden, die Tüte Mehl an ihrem Aussehen. Wechselt der Hersteller die Verpackung, beginnt das Problem.


Laut Untersuchung sind von Analphabetismus alle Bevölkerungsschichten betroffen, gehäuft tritt er allerdings in „unteren sozialen Milieus“ auf, wie sich die Studie gewunden ausdrückt. Will heißen: In manchen Familien ist Analphabetismus Generationen übergreifend. Der Anteil von Frauen und Männern ist annähernd gleich, wobei Frauen eher bereit seien sich zu outen, weiß Ingrid Ficker. Die Situation an sich stagniert seit Jahren – eine Zunahme sei nicht erkennbar. Was die Misere nicht vereinfacht. Denn das Leseniveau von 13 Prozent aller Schulabgänger befinde sich auf niedrigstem Niveau, bei Hauptschülern gehe es ab der vierten Klasse massiv zurück.

 

Beide Koordinatoren freuen sich, dass Sachsen nun eine Vorreiterrolle übernommen habe. Das Projekt, viele Träger ins Boot zu holen, die strenge Qualitätskriterien erfüllen müssen, wird finanziert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Freistaates Sachsen.

 

Von Torsten Piontkowski

 

2010-01-05




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