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Herausgeber Wilfried Hub Handikap

Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.

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Karl-Theodor Guttenberg beeindruckt in Mödlareuth

  051009 Guttenberg Mödlareuth – Er kommt. Die Original Töpener Blasmusik weiß, was zu tun ist. Während sich der Gast mühsam den Weg durch die Menschenmenge bahnt, schmettert sie zackig den bayerischen Defiliermarsch. Der Beifall der 4000, die hier im rappelvollen Festzelt in Mödlareuth sitzen und stehen, schwillt zum Jubelsturm an. Sie feiern ihren Mann wie einen Heilsbringer.

 

Zwei Frauen kämpfen sich an seine Seite und flüstern ihm ins Ohr. Es muss ihm schmeicheln, denn er lächelt. Es ist Guttenberg-Time. Der 37-jährige oberfränkische CSU-Vorsitzende und Bundeswirtschaftsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg ist, und Mödlareuth zeigt es wieder klar, der Stern am politischen Himmel. Das 20. Deutschlandfest der CSU und der CDU-Verbände Ostthüringens und des sächsischen Vogtlands am Tag der Deutschen Einheit im einst von Mauer und Stacheldraht durchschnittenen thüringisch-bayerischen Grenzdorf wird zum Volksfest.

 
Hoffnung, Kraft, Mut
 
 Zu den etwa 4000 Besuchern im Bierzelt zählt die Polizei noch einmal etwa 2000 auf dem Gelände davor, die Veranstalter sprechen euphorisch gar von insgesamt 12 000 Menschen. Nur Helmut Kohl, der frühere Bundeskanzler, ist im Jahr 1994 ein größerer Magnet gewesen. Ganz offenbar spricht Wirtschaftsminister Guttenberg seinen Zuhörern aus dem Herzen. Sie glauben ihm, was er sagt, und es gefällt ihnen, wie er es sagt – schwungvoll, kämpferisch, keine Sekunde langweilig. Gefühlsgeladen besonders. Und Gefühle dürfen an einem solchen Tag wie diesem nicht fehlen, der nicht als freier Tag begriffen werden möge, sondern als Nationalfeiertag, „der sich in den Herzen festbrennt und auf den Sie stolz sein sollten. Das emotionale Brennen ist es, was wir brauchen. Was wir nicht brauchen ist, geduckt durchs Leben zu gehen. Es ist äußerst ungesund, den Kopf hängen zu lassen.“ Das baut auf. Auch, wenn Guttenberg sagt, dass der 3. Oktober für überragende menschliche Leistungen steht und der Name Mödlareuth nicht nur für Zerrissenheit, sondern gerade für Hoffnung, Kraft und Mut.

 

Mödlareuth zu leben, darauf komme es an. „Der Mauerfall war für mein junges Leben damals der größte Glücksfall der Geschichte.“ Vor allem die Zuhörer aus Thüringen und Sachsen hat der Redner hinter sich, als er „vor Hochmut in den alten Ländern gegenüber den Lebensgestaltungen im Osten“ warnt. Stattdessen sollte sich ein jeder vieles der Handlungsweisen aus der Wendezeit des Ostens zu eigen machen, Zivilcourage zum Beispiel.
Guttenberg erinnert an „jene, die die deutsche Vereinigung vor 20 Jahren eine Lebenslüge genannt haben, Leute, die heute in den alten Ländern in Amt und Würden sind“. Er meint, ohne ihn beim Namen zu nennen, auch Lafontaine und sagt: „In Wahrheit ist die Partei, an deren Spitze sie stehen, eine Lebenslüge.“ Es gebe viele, die das System herbeisehnen, das „wir vor 20 Jahren gottlob überwunden haben. Wir müssen daher wachsam sein.“

 
Pflicht, den Mund aufzumachen
 
Freiheit sei und bleibe Grundanspruch des Menschen. Es gelte, die Kraft und die Stärke, die der Freiheit innewohne, nach außen zu tragen. Tosenden Beifall und Bravo-Rufe erntet Guttenberg, als er auf die Mohammed-Karikaturen, 2006 veröffentlicht in dänischen Zeitungen, zu sprechen kommt und darauf, wie damals manch westliche Reaktion iranischem Druck nachgegeben habe: „Mit der Meinungsfreiheit machen wir es uns etwas zu einfach. Wir müssen uns da nicht entschuldigen. Nein, wir müssen sagen: So ist das!“ Und weiter: „Wir sollten unsere Grundwerte mit Selbstbewusstsein vertreten; sonst stärken wir all jene, die unser freiheitliches System beseitigen wollen. Wir müssen ein weltoffenes, tolerantes Land bleiben. Jeder, der zu uns kommen will, kann kommen – wenn er bereit ist, unsere Sprache zu lernen und unsere rechtsstaatliche Ordnung zu akzeptieren.“


Mit Blick auf das schlimme Ereignis von Solln, aber auch auf die Wirtschaftskrise mahnt Guttenberg eine Grundwerte-Debatte an, um ein starkes gesellschaftliches Fundament zu schaffen und die soziale Marktwirtschaft vor Rattenfängern zu schützen. „Die nächsten Jahre werden uns viel Kraft abverlangen. Es gilt, immer wieder klar zu machen, dass gerade auch in dieser Region in der Mitte Deutschlands und Europas der Mittelstand, das Handwerk und die Landwirtschaft das Herzstück unserer Volkswirtschaft sind. Und es gilt, die Leistungsträger zu motivieren, sie trotz Schuldenbergs und hohen Haushaltsdefizits zu entlasten und nicht durch eine ungerechte Besteuerung wie die kalte Progression zu demotivieren. Die bewusste Entscheidung zur Nichtleistung darf nicht mehr zählen als die bewusste Entscheidung zur Leistung.“


Kurz vor der Wahl, als Guttenberg die Bürger auf bevorstehende schwere Zeiten mit zunehmender Arbeitslosigkeit einschwor, bekam er mächtig Ärger in der Union. Dazu sagt er jetzt: „Ich halte es für meine verdammte Pflicht, den Mund aufzumachen und auch die unangenehmen Dinge zu benennen, wenn es der Wahrheit entspricht. Der Mensch muss im Mittelpunkt der Politik stehen, nicht der Staat.“ Ein Politiker habe sich als Dienstleister des Bürgers zu begreifen und auf die eigenen Defizite zu schauen. „Von der Politik des Draufschlagens haben die Leute im Land die Nase gestrichen voll.“

 
„Das ist der kommende Kanzler“
 
Dem Redner rinnt der Schweiß in Strömen übers Gesicht, als er zum Schluss ins Zelt ruft: „Gottes Segen, alles Gute, Einigkeit und Recht und Freiheit, meine Damen und Herren!“ Minutenlang brandet ihm der Applaus entgegen, manche stehen auf ihren Tischen, immer wieder schallt es: „Bravo!“ Bescheiden lächelnd, in die Menge winkend nimmt Guttenberg die Ovationen entgegen. Sein Sakko ist durchgeschwitzt. Gemessen an den rhetorischen Ausflügen der Masse anderer Politiker ist der Auftritt des Barons in Mödlareuth eine Gala-Vorstellung. Ein Zuhörer raunt ergriffen und allen Ernstes: „Das ist der Messias. Da hat der kommende Bundeskanzler gesprochen.“

 

2009-10-05




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