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Herausgeber Wilfried Hub Handikap

Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.

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„40 Jahre sind genug“ feiert in Plauen Premiere

40 Jahre sind genug Plauen – Die Genossen am Eingang nehmen ihre Aufgabe ernst. Ohne Stempel kein Einlass. Drinnen fordert ein Leutnant dazu auf, keine Ansammlungen zu bilden. Und mit einiger Sicherheit hätte man dieser barschen Aufforderung vor über 20 Jahren auch Folge geleistet.

 

Willkommen zur Premiere des Dokumentarfilmes der Plauener Filmproduktion MPC „40 Jahre sind genug“ auf dem Gelände der Sternquell-Brauerei in Plauen.


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Kameras klicken im Sekundentakt
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Doch zunächst klicken die Digital-Kameras der Besucher buchstäblich noch im Sekundentakt. Denn die Firma ad astra hat um die Aufführung des Filmes herum ein Event gebastelt: Schwere NVA-Technik ist auf dem Gelände vor der Oberen Halle stationiert, auf einer Art Tribüne haben Armisten Position bezogen, die altertümlich wirkenden Kalaschnikows fest im Griff. Über ihren Köpfen geht es „Vorwärts zum 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik“, in ihrem Rücken schlängelt sich ein Stück Mauer, bunt mit Graffiti bemalt. Gegenüber dampft die Feldküche, das Tagesangebot lautet militärisch knapp „Erbsensuppe mit Bowo“ 3,50 Euro. Eine DDR-Fahne hängt schlapp am Mast, der Wind der Veränderung weht heute eher mäßig. Das fast schon legendäre Feuerwehrfahrzeug, auf dem zur Demonstration am 7. Oktober 1989 ein Wasserwerfer montiert war fehlt ebenso wenig, wie ein Hubschrauber, der zwar nicht bestellt, aber trotzdem passend über dem Brauereigelände brummt.


Die heimlichen Befürchtungen von ad astra-Geschäftsführer Christian Pöllmann, manche würden die Ansammlung von derart martialischem Gerät in die „falsche Kehle“ bekommen, zerstreuen sich schnell. Die Besucher nehmen den nicht ganz ernst gemeinten Ausflug in die Endphase der DDR, als was er gemeint ist: Geschichte entspannt zur Kenntnis nehmen, wenngleich über dem Ganzen auch ein Hauch Surrealismus liegt. Für manche allerdings auch Geschichten aus einer anderen Welt. „Was hat denn der Mann für ein tragbares Ding auf dem Rücken“, fragt eine junge Frau ihren Begleiter und weist auf das Funkgerät eines NVA-Unteroffiziers.


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Versorgung aus dem Konsum
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Am Eingang zur Aufführungshalle gibt es Würstchen samt Gurke und Fettschnittchen für alle. Ein Gast übt leichte Kritik. „Das Meckern habt ihr nicht verlernt“, die humorvolle Reaktion des Würstel-Ausgebers. Mehr kulinarische Nostalgie bietet der Konsum gegenüber. Leckeren Weißwein namens Cotnari und ebenso leckeren Rosenthaler Karthaker, Filinchen und Spee, Russisch Brot und Tempolinsen. Leider nur zum Anschauen, fast wie damals.


Konsum An die Zeltwände gepinnt jede Menge Originaltransparente und Spruchbänder von damals. „Reformen von Hager sind uns zu mager“, „Das Pulver ist verschossen, heran an die Wahrheit, Genossen“. Andere fordern Reise- und Meinungsfreiheit. „Dieses Angepasstsein, das wäre nichts für mich gewesen“, kommentiert einer, damals höchstens im Kindergartenalter. Vor jedem Foto verweilen die Menschen. Die einen, um sich auf den Demo-Bildern von einst wiederzufinden, wenige andere wohl auch fürchtend, in Uniform erkannt zu werden. Derweil bilden sich vor dem Verkaufsstand der DVD zum Film Menschentrauben, etwas weniger sind es vorm Konsum.


Und da man zu den Demos auch immer pünktlich gewesen sei, wolle man es heute nicht anders halten, begrüßt Pöllmann die zahlreichen Premierengäste, darunter neben dem damaligen Superintendenten Thomas Küttler und Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer auch zahlreiche Kreis- und Stadträte. Liedermacher Andreas Geffarth stimmt musikalisch auf den Film ein. Und die sich später noch öfter einstellende Gänsehaut meldet sich bei „Imagine“ und „Blowin’ in the Wind“ ein erstes Mal.


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„Revolution fernab der Metropolen“
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In kurzen Worten erinnert Ralf Oberdorfer an die Geburtshelfer der Plauener Demonstration und deren Engagement schon Monate zuvor, als sich eine Gruppe „erdreistete“, die Auszählung der Wahlen zu kontrollieren. Viel Selbstachtung habe man damals geschöpft, würdigt er das Denken und Tun der Männer und Frauen jener Zeit, bevor Gerd Naumann vom Vogtlandmuseum auf unkonventionell-eindringliche Weise den wissenschaftlichen Hintergrund zum Film umreißt.


„Revolution fernab der Metropolen“ hat er sich zum Motto gewählt und spannt den Bogen von Goethe und Kuczynski über die Breschnew-Doktrin und Marx bis zu den Fakten jener Tage im Oktober 1989. Als über 3000 Plauener sich bereits von dieser Republik verabschiedet hatten oder im Begriff waren es zu tun. Als sich zur Demonstration am 21. Oktober 40 000 Menschen aus dem ganzen Vogtland in ihrer „Hauptstadt“ trafen. Als eine Woche später die ersten Transparente die Einigkeit des Vaterlandes forderten und „die verdienstvolle Berichterstattung in der Frankenpost“ die öffentliche Plattform bildete, wie Naumann es ausdrückt.


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Garantierter Gänsehaut-Effekt
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Dann der Film, von dem Ausschnitte bereits in ARD und ZDF zu sehen waren, dessen Protagonisten ebendort zu Wort kamen, dessen Machern die Agenturen deutschlandweit Aufmerksamkeit schenkten. Eine Dokumentation, die es verdient, ungekürzt in die Programme der „Großen“ aufgenommen zu werden. Nicht nur, weil sie künstlerisch bestehen würde, vor allem, weil sie den Kindern der Plauener Revolution gerecht wird. Weil Plauen natürlich den Schwerpunkt bildet, man es aber dennoch nicht versäumte, Zusammenhänge und Parallelen zu anderen Städten aufzuzeigen. Umfangreiches Archivmaterial wurde gesichtet und geschickt eingearbeitet, was dem Streifen zuweilen etwas Spielfilmartiges verleiht.

 

Publikum Historische Bilder von Mödlareuth, natürlich der Prager Botschaft, Amateursequenzen wie die von Detlev Braun, dem der Schnappschuss von den in die Freiheit rollenden Flüchtlingszügen gelang, und immer wieder natürlich Aufnahmen von Plauen, der kurz vor der Wende immer öder werdenden, zerfallenden Innenstadt. Beklemmend, trostlos und doch Hoffnung verleihend angesichts des friedlichen Inneren der Markuskirche, der Zuversicht in den Gesichtern Tausender Demonstranten. Peisker hat eine kluge Auswahl der Interviewpartner getroffen, allen voran Superintendent Küttler, der die damaligen Gefühle der Menschen noch heute auf den Punkt zu bringen versteht.


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Fazit: „Ihre Zeit war um“
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Zu Wort kommen der damalige Pfarrer der Markuskirche Helmut Heine, Siegmar Wolf, der das erste Plakat fertigte, Jörg Schneider, der auf einer klapprigen Reiseschreibmaschine den Demoaufruf verfasste, Klaus Vetter, der als JVA-Bediensteter die „zugeführten“ Personen in Empfang nahm und viele andere. Keiner von ihnen macht ein Hehl aus seiner Angst, aus seinen Zweifeln, aber auch seinem Optimismus.

 

Angenehm unaufgeregt sprechen sie über diese Zeit und man ahnt, dass dies auch einer geduldigen Recherche- und Kamera-Arbeit geschuldet ist. „Ihre Zeit war um“, stellt Küttler gegen Ende des Films schlicht fest. Denn „40 Jahre sind genug“. Ein Film, der schnellstmöglich Eingang in den Geschichtsunterricht Plauener Schulen finden sollte. Und nicht nur in die.

 

Von Torsten Piontkowski

 

Stimmen zum Film:

 

Kai Liekenbröcker (Essen):
„Ich war überrascht von dem friedlichen Verlauf damals. Das war wirklich eine großartige Sache. Ich frage mich die ganze Zeit, ob es im Westen auch so ausgegangen wäre. Die Gewaltbereitschaft war dort wesentlich höher. Im Film hat mich besonders der Fahrer des Feuerwehrautos beeindruckt. Aber auch im Allgemeinen ist die Doku sehr bewegend. Für uns in den alten Bundesländern ging das damals alles sehr schnell. Es hatte sich so eine Eigendynamik entwickelt und plötzlich war die Mauer offen.“

 

Ralf Oberdorfer (Plauen):
„Der Film war gut. Er dokumentiert die damalige Zeit auch für die zukünftigen Generationen. Er stellt das Selbstbewusstsein der Plauener dar und zeigt, dass man die Dinge auch selbst in die Hand nehmen kann.“

 

Lucienne Vetter (Plauen):
„Prima – es hat mich sehr ergriffen. Es kamen viele Erinnerungen wieder hoch. Man spürt aber auch, dass die Kraft der Gemeinschaft – so wie damals – jetzt fehlt.“

Christiane Ludwig (Weischlitz): „Es war alles sehr eindrucksvoll dargestellt. Wir haben es ja selbst erlebt. Die Atmosphäre war toll, beeindruckend und sehr emotional.“

 

Dominik Walter (Plauen):
„Ich kenne durch mein Alter die Zeit nur aus Erzählungen. Der Film hat aber alles sehr verständlich dargestellt. Die Orte und Gebäude die gezeigt wurden, wecken Erinnerungen. Man kann Teile seiner Heimatstadt wieder finden und es so irgendwie besser nachempfinden. Gerade für den Schulunterricht wäre so ein Film toll.“

 

Conny Zenner (Plauen):
„Ich bin total begeistert. Ich war zu dieser Zeit nicht in Plauen. Aber man muss den Leuten Respekt zollen für ihren Mut. Besonders berührend waren für mich die Zeitzeugenberichte.“

 

2009-11-09




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